Schaut die Politik einfach weg? Nur 1,6 % aller Unfälle stehen mit Alkohol oder Drogen in Verbindung
Düsseldorf (ots) –
Alkohol und Drogen am Steuer sind ohne Frage ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Dennoch zeigen die Unfallstatistiken, dass der überwiegende Teil aller Verkehrsunfälle auf andere Ursachen zurückzuführen ist. Welche Konsequenzen sollte das für die Verkehrssicherheitspolitik haben?
Wenn in Deutschland über Verkehrssicherheit gesprochen wird, stehen Alkohol und Drogen am Steuer fast immer im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Entsprechend intensiv sind Kontrollen, politische Maßnahmen und die mediale Berichterstattung. Ein Blick auf die offiziellen Unfallzahlen wirft jedoch eine unbequeme Frage auf: Konzentriert sich die öffentliche Debatte wirklich auf die größten Gefahren im Straßenverkehr?
Die Statistik spricht eine deutliche Sprache
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2021 insgesamt 2.314.938 Verkehrsunfälle polizeilich erfasst. Davon standen
– 32.453 Unfälle unter Alkoholeinfluss sowie
– 4.429 Unfälle unter dem Einfluss anderer berauschender Mittel.
Insgesamt waren somit 36.882 Verkehrsunfälle auf Alkohol oder Drogen zurückzuführen – das entspricht rund 1,6 Prozent aller polizeilich erfassten Verkehrsunfälle. Mehr als 98 Prozent aller Unfälle hatten andere Ursachen.
Auch bei den Verkehrstoten ergibt sich ein ähnliches Bild. Im Jahr 2021 kamen insgesamt über 2.500 Menschen im Straßenverkehr ums Leben. Davon standen 165 Todesfälle im Zusammenhang mit Alkohol und weitere 53 Todesfälle mit anderen berauschenden Mitteln.
Jeder einzelne Todesfall ist einer zu viel. Dennoch zeigt die Statistik deutlich, dass die Mehrheit der tödlichen Verkehrsunfälle auf andere Ursachen zurückzuführen ist.
Die eigentliche Frage lautet: Worüber sprechen wir zu wenig?
Niemand bestreitet, dass Alkohol und Drogen am Steuer gefährlich sind. Wer berauscht fährt, gefährdet sich selbst und andere Verkehrsteilnehmer. Doch wenn mehr als 98 Prozent aller Verkehrsunfälle andere Ursachen haben, stellt sich die Frage, ob sich Politik, Medien und Behörden möglicherweise zu stark auf einen vergleichsweise kleinen Teil des Gesamtproblems konzentrieren.
So liegen die häufigsten Unfallursachen oftmals ganz woanders:
– Ablenkung durch Smartphones
– Unaufmerksamkeit
– Vorfahrtsverstöße
– Fehler beim Spurwechsel
– unangepasste Geschwindigkeit
– mangelnde Fahrpraxis
– Fehleinschätzungen von Gefahrensituationen
Handy am Steuer: Ein riesiges Problem mit geringer Entdeckungsquote?
Als MPU-Beratungsunternehmen hat die SEDURA Consulting GmbH bereits knapp 10.000 Menschen auf ihrem Weg zurück zur Fahrerlaubnis begleitet und beobachtet täglich die Praxis hinter den Statistiken. Besonders auffällig ist dabei die Nutzung von Mobiltelefonen während der Fahrt. Von den knapp 10.000 betreuten Personen mussten lediglich vier Betroffene aufgrund wiederholter Handyverstöße und einer entsprechenden Punktekonstellation eine MPU absolvieren.
Dabei dürfte jeder Verkehrsteilnehmer regelmäßig beobachten, wie Autofahrer während der Fahrt Nachrichten lesen, telefonieren oder soziale Medien nutzen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wird das Problem tatsächlich so selten begangen oder wird es schlicht nur selten entdeckt?
Mittlerweile existieren erste Pilotprojekte mit sogenannten Handy-Blitzern, unter anderem in Rheinland-Pfalz. Diese Systeme sollen automatisiert erkennen, ob Fahrer während der Fahrt ein Mobiltelefon benutzen. Sollten sich solche Systeme künftig flächendeckend durchsetzen, könnte sich zeigen, dass Ablenkung am Steuer ein deutlich größeres Sicherheitsrisiko darstellt, als die bisherigen Statistiken vermuten lassen.
Verkehrsbehinderung und Mittelspurfahrer – ein unterschätztes Risiko?
Auch andere Verhaltensweisen werden aus Sicht vieler Verkehrsteilnehmer kaum kontrolliert. Dazu gehören beispielsweise dauerhaftes Fahren auf der mittleren Spur ohne sachlichen Grund, unnötige Behinderungen des Verkehrsflusses oder Verhaltensweisen, die andere Verkehrsteilnehmer zu riskanten Überholmanövern verleiten können.
Solche Situationen gehören für viele Autofahrer zum Alltag. Dennoch spielen sie in der öffentlichen Debatte über Verkehrssicherheit praktisch keine Rolle. Dabei können auch diese Verhaltensweisen gefährliche Situationen provozieren und Unfallrisiken erhöhen.
Der unterschätzte Risikofaktor: Fahrerlaubnisrelevante Erkrankungen
Ein weiterer Bereich, der in der öffentlichen Diskussion kaum Beachtung findet, sind medizinische Erkrankungen mit möglicher Auswirkung auf die Fahreignung. Immer wieder kommt es zu schweren Verkehrsunfällen, bei denen nicht Alkohol, Drogen oder überhöhte Geschwindigkeit die Ursache sind, sondern gesundheitliche Notfälle.
Tatsächlich existieren in Deutschland zahlreiche Erkrankungen, die Auswirkungen auf die Fahreignung haben können. Dazu zählen unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurologische Erkrankungen, Bewusstseinsstörungen oder andere medizinische Einschränkungen, die dazu führen können, dass Menschen plötzlich nicht mehr in der Lage sind, ein Fahrzeug sicher zu führen. Besonders tragisch sind Fälle, bei denen ein gesundheitlicher Notfall während der Fahrt zu schweren Personenschäden führt.
Dennoch erfolgt eine Überprüfung der Fahreignung häufig erst dann, wenn bereits konkrete Hinweise vorliegen oder die Fahrerlaubnisbehörde Kenntnis von entsprechenden Umständen erhält. Anders als Alkohol- und Drogendelikte, die regelmäßig kontrolliert werden und bei Auffälligkeiten häufig automatisch Verfahren auslösen, bleiben gesundheitliche Risiken im Straßenverkehr daher oft unentdeckt – nicht weil sie ungefährlich wären, sondern weil sie deutlich schwieriger zu erkennen und zu erfassen sind.
Deshalb erscheint die Diskussion berechtigt, ob bei bestimmten schwerwiegenden fahrerlaubnisrelevanten Erkrankungen künftig häufiger eine Überprüfung der Fahreignung stattfinden sollte. In diesem Fall könnten entsprechende Diagnosen automatisch an die Fahrerlaubnisbehörde übermittelt werden, damit ein medizinisches Gutachten klärt, ob die Fahreignung weiterhin gegeben ist.
Sollten ältere Fahrer regelmäßiger überprüft werden?
Auch das Lebensalter wird regelmäßig als möglicher Einflussfaktor auf die Fahreignung diskutiert. Während junge Fahrer umfangreiche Prüfungen absolvieren müssen, existieren in Deutschland bislang keine verpflichtenden regelmäßigen Reaktions- oder Gesundheitstests für ältere Verkehrsteilnehmer – obwohl altersbedingte Einschränkungen die Fahreignung beeinflussen können.
Vor diesem Hintergrund stellt sich zunehmend die Frage, ob regelmäßige Eignungsüberprüfungen künftig stärker in den Fokus rücken sollten. Konkrete gesetzliche Regelungen stehen bislang jedoch nicht zur Debatte.
Führerschein vereinfachen oder Ausbildung verbessern?
Besonders kritisch erscheint vor diesem Hintergrund die aktuelle Diskussion über Vereinfachungen beim Führerscheinerwerb. Immer wieder werden Vorschläge diskutiert, Ausbildungsinhalte zu reduzieren oder Pflichtanteile anzupassen, um den Führerschein günstiger zu machen.
Dabei stellt sich die Frage: Kann weniger Ausbildung tatsächlich zu mehr Verkehrssicherheit führen?
Sinnvoller könnte es sein, die finanziellen Belastungen für Fahrschüler zu reduzieren, ohne die Qualität der Ausbildung anzutasten. Eine steuerliche Entlastung durch den Wegfall der Umsatzsteuer oder andere finanzielle Fördermaßnahmen könnten den Zugang zum Führerschein erleichtern, ohne Wissen, Fahrpraxis und Verkehrserziehung zu reduzieren.
Technische Lösungen allein werden das Problem nicht lösen
Gleichzeitig werden neue technische Lösungen entwickelt, um Alkohol am Steuer weiter einzudämmen. Auf europäischer Ebene wird bereits an Systemen gearbeitet, die künftig eine Vorbereitung für Alkohol-Wegfahrsperren in Neufahrzeugen vorsehen.
Solche Ansätze können grundsätzlich einen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten. Allerdings bleibt die Frage, ob einzelne technische Maßnahmen allein ausreichen werden oder ob die tatsächlichen Hauptursachen von Verkehrsunfällen stärker in den Fokus rücken sollten.
Die Debatte muss breiter werden
Alkohol und Drogen im Straßenverkehr bleiben ein ernstes Problem und müssen konsequent bekämpft werden. Die offiziellen Zahlen zeigen jedoch ebenso deutlich, dass sie nicht die Unfallursache Nummer eins in Deutschland sind.
Wer die Zahl der Unfälle und Verkehrstoten nachhaltig senken möchte, sollte deshalb den Blick auf alle relevanten Risikofaktoren richten. Ablenkung durch Smartphones, mangelnde Fahrpraxis, gesundheitliche Einschränkungen, altersbedingte Leistungsdefizite, Fehlverhalten im Verkehrsfluss und viele weitere Faktoren spielen im Alltag eine deutlich größere Rolle, als die öffentliche Debatte oftmals vermuten lässt.
Vielleicht ist es an der Zeit, die Diskussion über Verkehrssicherheit neu zu führen – nicht nur über die sichtbarsten Probleme, sondern vor allem über die häufigsten.
Mehr Informationen rund um Führerschein, MPU und Polizeikontrollen
Wer sich regelmäßig über aktuelle Entwicklungen im Führerscheinrecht, Rechte und Pflichten bei Polizeikontrollen, neue gesetzliche Änderungen, Verkehrsrecht oder Möglichkeiten zur Wiedererlangung der Fahrerlaubnis informieren möchte, kann Dustin Senebald sowie die SEDURA Consulting GmbH auf den sozialen Medien verfolgen. Regelmäßige Informationen, Videos und Praxisbeispiele finden Interessierte unter anderem auf Instagram (https://www.instagram.com/seduraconsulting/), Facebook (https://www.facebook.com/seduraconsulting), YouTube (https://www.youtube.com/@SEDURA-Consulting) und TikTok (https://www.tiktok.com/@sedurampu).
Pressekontakt:
SEDURA Consulting GmbH
E-Mail: [email protected]
Website: https://sedura-mpu.de/
Original-Content von: SEDURA Consulting GmbH, übermittelt durch news aktuell
Quelle: ots
