Wie die europäische Chemieindustrie ihre Zukunft durch Spezialisierung, Innovation und starke Industriestandorte sichern kann
Hamburg (ots) –
Die europäische Chemieindustrie steht unter spürbarem Druck: Hohe Energie- und Rohstoffkosten, internationale Konkurrenz, strengere Regulierung und der Wandel hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft verändern die Branche. Gleichzeitig bleibt sie ein wichtiger Pfeiler der europäischen Industrie. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss die Chemieindustrie in Deutschland und Europa effizienter produzieren, Innovationen vorantreiben und sich stärker auf hochwertige Spezialprodukte ausrichten. Chancen liegen vor allem in Advanced Materials, Katalysatorträgern, Spezialtensiden und Lösungen für Kreislaufwirtschaft und Energiewende. Dafür braucht es leistungsfähige Industriestandorte, eine verlässliche Energieversorgung, moderne Infrastruktur sowie gute Bedingungen für Investitionen und Forschung. So kann die Chemieindustrie ihre industrielle Stärke erhalten und neue Wachstumsmärkte erschließen.
Antje Gerber verantwortet als Executive Vice President (EVP) das internationale Chemiegeschäft von Sasol. Im Interview spricht sie über die Bedeutung von Kundenwünschen, die Erweiterung am etablierten Standort Brunsbüttel und die Frage, wie sich Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit verbinden lassen.
Frau Gerber, wie kann Europas Chemieindustrie Innovationen schneller vom Labor in die industrielle Produktion bringen?
Innovation schafft erst dann Wert, wenn sie den industriellen Maßstab erreicht und konkrete Kundenanforderungen löst. Dafür müssen Forschung, Kunden und Produktion früh zusammenarbeiten. Wir beziehen Kunden von Beginn an ein und prüfen Anwendungen unter realen Bedingungen. Unsere Ergebnisse im Geschäftsjahr 2026 zeigen, dass dieser Ansatz wirkt: Kundennähe, Portfoliooptimierung, operative Exzellenz und Kostendisziplin haben trotz schwieriger Märkte zu besseren Ergebnissen beigetragen. In Brunsbüttel verbinden wir Forschung, Analytik und industrielle Fertigung. Das beschleunigt Tests und Skalierung und bringt differenzierte Lösungen schneller zu unseren Kunden.
Sasol investiert 60 Millionen Euro in Brunsbüttel. Was macht einen europäischen Produktionsstandort langfristig wettbewerbsfähig?
Ein wettbewerbsfähiger Standort braucht qualifizierte Mitarbeitende, hohe Sicherheits- und Qualitätsstandards, Kundennähe sowie verlässliche Infrastruktur und wettbewerbsfähige Energiepreise. Ebenso wichtig ist ein klares Profil. Unser Ansatz lautet „value over volume“: Wir setzen Kapital diszipliniert dort ein, wo nachhaltige Wettbewerbsvorteile und langfristige Nachfrage zusammenkommen. Diese Ausrichtung hat im Geschäftsjahr 2026 zu besseren Ergebnissen und einer stärkeren Bilanz beigetragen; das bereinigte EBITDA ist deutlich gestiegen.
In Brunsbüttel investieren wir 60 Millionen Euro in zusätzliche Katalysatorträger-Kapazitäten im Geschäftsbereich Advanced Materials. Der Standort verfügt über jahrzehntelanges Spezial-wissen, und die Nachfrage wächst. Die Investition stärkt die Versorgung unserer Kunden und unterstreicht die Bedeutung Brunsbüttels für unser internationales Geschäft. So schaffen wir Wert durch Technologie und Produktion – statt durch Volumen um seiner selbst willen.
Wie lassen sich Klimaschutz und internationale Wettbewerbsfähigkeit miteinander verbinden?
Antje Gerber: Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit sollten sich gegenseitig verstärken. Deshalb investieren wir bevorzugt in Maßnahmen, die Umweltleistung, operative Effizienz und Resilienz stärken.
Bei jeder Investition prüfen wir Kundennutzen, Emissionsminderung, Versorgungssicherheit und wirtschaftlichen Ertrag. Die Erweiterung in Brunsbüttel ist dafür ein Beispiel: Sie soll Energieeffizienz und Kapazität erhöhen und den CO2-Fußabdruck der Katalysatorträger-Produktion je Tonne um bis zu 15 Prozent senken. Am Standort nutzen wir erneuerbaren Strom und Dampf aus Biomasse.
Die Ergebnisse im Geschäftsjahr 2026 zeigen: Eine resiliente, wettbewerbsfähige Chemieindustrie kann eher in Innovation, Nachhaltigkeit und künftiges Wachstum investieren. Damit die Transformation gelingen kann, müssen Politik und Behörden liefern. Wir brauchen wettbewerbsfähige Energiepreise, leistungsfähige Netze, schnellere Genehmigungen und Investitionssicherheit für die gesamte Chemieindustrie.
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Quelle: ots
